Buchrezension "Der Fürst und seine Erben" von Peter Sloterdijk

Published on HivePostify by @achimmertens · Thu Aug 20 2026

Hallo zusammen,

meine Schwiegermutter schenkte mir dieses Buch: "Der Fürst und seine Erben" von Peter Sloterdijk

Ich hätte es selber nicht gekauft, wäre nicht drauf gekommen es zu kaufen, da ich bis dahin weder den Autor kannte (nur vom Namen) noch mich das Cover ansprach.

Aber der Inhalt interessierte mich dann doch und so legte ich los. Nach den ersten Seiten musste ich erst mal innehalten. Dieser Schreibstiel ist schon deutlich abgehoben vom "einfachen Leser" und ich musste mich erst mal darauf einstellen, dass ich das Buch nicht so einfach runter lesen kann und auch Lücken zulassen musste, da der Autor ein Vokabular vorraussetzt (z.B. Französisch), dessen ich nicht mächtig bin. Entsprechend habe ich auch gebraucht um den roten Faden zu finden. Ich versuche mal kurz wiederzugeben, was mir hängen geblieben ist:

Der erste Sündenfall: Die Vertreibung in die Welt der Not und Sorge

Der erste Sündenfall ist, wo der Mensch die Anarchie (Jäger und Sammlertum) verlässt und plötzlich mit anderen (sesshaften) Menschen klar kommen muss. Auf dieser Ebene wird das Volk auf die Probe gestellt, indem ein Herrscher eine willkürliche Forderung stellt (zum Beispiel du darfst keinen Apfel von diesem Baum essen). Und wenn das Volk dem nicht willig folgt, dann ist es schuldig geworden. Im alten Testament werden auch weitere Beweise gefordert. Dass man völlig dem Herrscher ergeben sein soll, zeigt sich zum Beispiel auch an der Stelle, wo Abraham seinen Sohn opfern soll.

Der zweite Sündenfall: Der Sturz in den hierarchischen Staat

Die zweite Sünde ist die Ebene wo der Herrscher die Erlaubnis hat Böses zu tun. Er muss die Moral verlassen um realpoitisch zu überleben. Wenn er im Gegenzug dafür sorgt, dass seine Herrschaft weiterhin funktioniert (nach dem Motto: "Alles ist besser als Anarchie"). Er muss Erfolge liefern in einem Mindestmass an Wirtschaft und Erfolge auch bei Kriegen, auch an der Front.

Der Centaur ist ein Wesen, das halb Tier und halb Mensch ist und der Fürst soll sich daran orientieren indem er sowohl gut als auch böse ist.

Der Pöbel ist eine Beschreibung für ein Volk, das selber egoistisch und gierig ist (nach "allem was glänzt"). Und deswegen aber auch leicht zu beeindrucken ist von dem Herrscher. Letztendlich kann der Pöbel gar nichts anderes liefern als einen machtgierigen Herrscher (weil er aus ihnen heraus entstanden ist).

Machiavellis Leistung war, im “il Principe” klarzustellen, dass die Fürsten nur etwas Besonderes sind, weil wir glauben, sie hätten einen göttlichen Auftrag (Römer 13, 1-7). Ohne diesen Zusatz hätten die Herrscher deutlich weniger Macht.

Um einen göttlichen Auftrag zu erhalten bedarf es einer Institution, die diese Aufträge erteilt: Die Kirche, die auch die Könige gekrönt hat.

Nach der Aufklärung haben sich die Fürsten selber das göttliche Mandat zugesprochen, z.B. mit einem “Heil Hitler”

Der dritte Sündenfall: "Die stets drohende Vergewaltigung des Einzelnen durch die aufdringliche Fiktion eines fusionierten Gemeinwillens"

Der dritte Sündenfall ist der, zu glauben, das die Macht vom Volke ausgeht. Das ist eine Fiktion, denn es gibt das Volk gar nicht, sondern nur Individuen.

Daher ist eine Demokratie zerstritten und lahm und nur im Katastrophenfall geeinigt. Das verleitet die Führer dazu, Katastrophen heraufzubeschwören um “das Volk” hinter sich zu sammeln.

Im Volk selber gibt es auch viele unvölkische Kräfte ((Kapital-)Eliten, externe Kräfte, Furcht, Mafia,…)

Realpolitik in der Demokratrie zerreibt sich an Kräften wie Koalitionsdruck, Lobbyismus, Medialer Erpressung,… Des "Volkes Wille" kommt kaum noch durch. Viele verzichten daher auf Ihre Krone und geben sie rechts außen ab.

Judenhass ist ein Hass gegen ein Volk, das keinen König hat. Gott ist der Souverän, der keinen König auf Erden braucht. Das wollen andere Souveröne nicht hinnehmen. (S.130)

Mein Fazit Trotz des erschwerten Leseflusses hat mich das Buch gefesselt. Es gab einige Aha-Elemente. Neben dem roten Faden gab es immer wieder kleine Bonbons, wie z.B. der Einwurf, dass die biblischen Monster Wesen von ausserhalb der Schöpfung seien (und natürlich eher als Metapher für andere Königreiche stehen). Der Autor ist belesen und welterfahren, man merkt ihm seinen philosophischen Hintergrund an. Das Buch trägt zur Erkenntnis bei, dass Herrscher auch nur Menschen sind (und keine göttlichen Wesen) und entsprechend nur begrenzte Macht haben. Es zeigt aber auch, wie ein Volk, dass sich von primitiven Instinken leiten lässt, letztendlich einen Herrscher bekommt, der genau dies ausnutzt. Es ist teilweise frustrierend zu lesen, wie die Menschheit immer und immer wieder in die selben Fehler läuft. Vier von 5 Sternen

Achim Mertens

Tags: #buch#rezension#buchtipp#deutsch#dach

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