Die Sonne - ist die Angst vor ihr unbegründet?
Published on HivePostify by @stayoutoftherz · Wed Jul 29 2026
engl. summary: Moderate sun exposure offers benefits beyond vitamin D (such as nitric oxide release, reducing the risk for several diseases, circadian regulation, immune modulation) that supplements cannot replace, and studies show that complete sun avoidance is as harmful as smoking. Although UV raises skin-cancer risk, the overall health impact of sensible exposure is often net-positive. Proper sunscreen use lowers melanoma rates but also reduces some of these benefits, so balanced, non-burning sun exposure is ideal.
Liebe Leser,
wenn die Wetter-App nur Sonnensymbole zeigt, wird in den Medien wieder vor der tödlichen Gefahr Sonne gewarnt!
Über die letzten Jahrzehnte hinweg wurde über die Sonnenstrahlung den Menschen vor allem eines eingetrichtert: UV-Strahlen sind gefährlich und erzeugen Krebs. Wir haben daher gelernt, uns die Sonne mit Cremes und Kleidung fernzuhalten – aber vielleicht übertreiben wir dabei? Immer deutlicher wird, wie wichtig die Sonne und ihre Strahlung für die Gesundheit ist!
Schon 2016 wurde eine Studie an ca. 30.000 Südschwedinnen, die 20 Jahre lange nachverfolgt wurden, publiziert 1 , die zeigte, dass diejenigen Frauen, die sich gerne in der Sonne aufhielten, im Schnitt 0,6-2,1 Jahre länger lebten, weil sie deutlich weniger Herzkreislauferkrankungen hatten als Sonnenvermeiderinnen. Nichtraucherinnen, die Sonneneinstrahlung vermieden, hatten eine Lebenserwartung, die derjenigen von Raucherinnen in der Gruppe mit der höchsten Sonneneinstrahlung ähnelte, was darauf hindeutet, dass die Vermeidung von Sonneneinstrahlung ein Risikofaktor von ähnlicher Größenordnung wie das Rauchen ist! Mit anderen Worten: Wer die Sonne meidet, lebt ähnlich ungesund wie Raucher! Und eine australische Studie 2 aus 2013 ergab, dass Menschen mit heller Haut ein um ca. 47% niedrigeres Risiko für Pankreaskrebs hatten im Vergleich zu Menschen mit dunklerer Haut. Auch das Wohnen in Regionen mit höherer UV-Strahlung war mit einem um 30–40 % kleineren Risiko verbunden. Die Autoren vermuten, dass der schützende Effekt über die Vitamin-D-Produktion vermittelt wird.
Dass Sonneneinstrahlung essentiel für die Vitamin D-Produktion ist, das wissen wir schon lange. Die UVB-Strahlung (Wellenlänge ca. 290–315 nm) der Sonnen spaltet das in der Haut befindliche 7-Dehydrocholesterol (ein Cholesterin-Vorläufer) und wandelt es in Prävitamin D₃ um. Durch die Körperwärme wird es zu Vitamin D₃ und später in der Leber zu 25-Hydroxyvitamin D und schliesslich in der Niere zum aktiven 1,25-Dihydroxyvitamin D umgewandelt.
In unseren Breitengraden ist die Vitamin-D-Synthese meist nur zwischen April und September von 10 bis 15h möglich, da der Einstrahlwinkel sonst zu flach ist. Für einen hellen Hauttyp reichen im Sommer 2–3 Mal pro Woche jeweils 10–15 min. Mittagssonne (Gesicht, Arme und Beine ungeschützt) in der Regel völlig aus, für dünklere Hauttypen sind teilweise über 60 min. nötig. Daher gibt es auch in südlichen Ländern viele Menschen mit Vit.D-Mangel, weil deren Haut die UVB-Strahlen weniger gut durchlässt (Melanin absorbiert sie).
Die gesundheitsfördernden Wirkungen von Vitamin D sind gar nicht zu unterschätzen! - Regelt den Calciumspiegel im Blut - Unterstützt den Aufbau und Erhalt starker Knochen und Zähne (und verhindert so Rachitis bei Kindern und Osteoporose bei Erwachsenen) - Verbessert die Muskelkraft und Koordination (reduziert das Sturzrisiko, besonders bei Älteren) - Unterstützt die Abwehr gegen Infektionen (z. B. Atemwegsinfekte wie Covid!) - Dämpft überschießende Entzündungsreaktionen (Autoimmunerkrankungen!)
Das ist aber noch nicht alles, derzeit werden noch untersucht: - Beeinflussung des Wachstums und der Reifung von Zellen und bei der Regulation von Zellteilung (Krebsrisiko!). - Positive Beeinflussung von Blutdruck und Entzündungsmarkern - Zusammenhänge mit Depression und kognitiver Funktion - Mögliche Unterstützung bei der Insulinsensitivität
Tatsächlich gibt es Hinweise, dass Sonnenlicht bzw. UV-Exposition positive Effekte auf verschiedenste Krankheiten wie Diabetes, Multiple Sklerose, Infektionen, etliche Krebsarten (abgesehen von Hautkrebs) und Bluthochdruck hat. Auch gibt es bei diversen Erkrankungen jahreszeitliche Schwankungen bei den Todesfällen, wobei die Übersterblichkeit im Winter nicht alleine durch Temperaturunterschiede erklärt werden kann. Dazu passt auch das geographische Verteilungsmuster von diversen Erkrankungen (nicht nur das oben erwähnte Pankreaskarzinom) mit gehäuftem Auftreten in Regionen mit geringer UV-Einstrahlung.
Aber Vitamin D ist nicht der einzige Vorteil der Sonne, erhöhen doch Solarien/Sonnenbänke auch Vit.D, gelten aber zurecht NICHT als gesund 3 (laut WHO sind sie genauso schädlich wie Tabakrauch). Im jüngeren Alter sollte man ganz auf diese küstliche Bräune verzichten!
Auch ist die (sehr beliebte) Vitamin D-Substitution NICHT AUSREICHEND, um fehlendes Sonnenlicht zu ersetzen 4,5 , im Gegenteil. Menschen, die kaum in die Sonnen gehen, wähnen sich durch die Nahrungsergänzungspräparate in Sicherheit und wissen nicht, wie wichtig die Sonnenstrahlung über die Vit.D-Produktion hinaus ist! Denn Sonnenlicht bewirkt auch eine Freisetzung von Stickstoffmonoxid (NO), α-MSH, Endorphinen, Cytokinen und noch Einiges mehr: - UVB-Strahlung setzt aus Hautzellen NO frei, das erweitert die Blutgefäße und senkt so den Blutdruck, wirkt entzündungshemmend und als Neurotransmitter (mittlerweile gibt es eine Fülle von NO-Präparaten, die alle Wunder versprechen😏) - Beta-Endorphine: UVB-Strahlung löst auch die Freisetzung dieser körpereigenen Opioide aus den Hautzellen aus, was schmerzlindernd und leicht euphorisierend wirkt - Alpha-Melanozyten-stimulierendes Hormon (α-MSH) wird bei UV-Bestrahlung freigesetzt und hat entzündungshemmende und immunmodulierende Wirkungen - Sonnenlicht hilft auch bei der Synchronisation des zirkadianen Rhythmus, der den täglichen Hormonhaushalt von Cortisol, Testosteron, Melatonin und Wachstumshormon reguliert - Zusätzlich ist im natürlichen Sonnenlicht auch Strahlung im nahen Infrarot- und Infrarotbereich enthalten; das stimuliert die Mitochondrienfunktion und die zelluläre Energieproduktion
Aber das Hautkrebsrisiko? Richtig, das steigt an mit der Sonnenexposition (insbesondere nach Sonnenbränden, also wenn die Haut rosa oder sogar rot wird). Aber nur 1-2% aller Hautkrebse sind das gefürchtete Melanom 6 , der Rest wirkt sich nicht sehr auf die Mortalität aus. Das Auftreten von Melanom korreliert übrigens (im Vergleich zu anderen Hautkrebsarten) nicht mit der lebenslangen Sonnenexposition. Es hängt eher mit Sonnenbränden zusammen. Bei Menschen, die im Freien arbeiten, ist die Melanomrate sogar niedriger als bei denen, die in Innenräumen arbeiten 6 , verrückt, nicht? Also rein statistisch gesehen ist der Netto-Effekt durch die Sonnenstrahlung trotzdem insgesamt positiv, da das Risiko für viele andere Erkrankungen sinkt. Es kommt aber natürlich auf den Hauttyp an und auf die Intensität der Sonnenbäder. Übertreiben ist nie gut. Grillen am Strand in der Mittagshitze ist nie gut und Sonnenbrände sind auf jeden Fall zu vermeiden!
Und Sonnencremes? Die schützen vor der Sonne, aber reduzieren auch stark die UVB-assoziierten positiven Effekte (bis auf die zirkadiane Synchronisierung, denn die wird über das sichtbare Licht mediiert). Da ist es gut, dass die meisten Menschen ohnehin weit weniger Substanz auftragen als nötig wäre, um ein anvisiertes Schutzlevel zu erreichen. Ich glaube übrigens nicht, dass Sonnencremes per se schlecht sind und selbst krebserregend, wie oft in Social Media behauptet wird. Ja, einige Beobachtungs-Studien ergaben, dass Menschen, die Sonnencremes benutzen, öfter Hautkrebs haben als die, die keine benutzen (das „Sunscreen Paradox“). Das beweist aber gar nichts, denn Menschen mit hellem Hauttyp benutzen den Sonnenschutz öfter, haben aber auch ein höheres Risiko. Sonnencreme-Benutzer sind oft auch leichtsinniger und glauben, sich dadurch extra rösten lassen zu können, vergessen manche Stellen oder lassen eine Re-Applikation nach 2 Stunden aus. Eine randomisierte Studie aus Australien 7 zeigte dagegen nach 10 Jahren Follow-Up, dass eine korrekte Anwendung von Sonnencreme die Melanomrate um 50% reduziert hatte.
Die Frage bleibt, wieviel Sonne ist gut und ab wann ist es zuviel? Die Antwort wird einem so bald keiner geben können, denn erstens ist die Foschung zu dem Thema noch bei weitem nicht abgeschlossen und zweitens ist jeder Mensch anders, nicht nur vom Hauttyp, sondern auch von seinen Gewohnheiten und Tagesabläufen. Und von seinen Ängsten! Wer Angst vor Hautkrebs hat, aber weniger Interesse an seiner Gesamt-Gesundheit, wird hier eher vorsichtiger sein mit der Sonnenstrahlung als jemand mit einem holistischen Konzept von Gesundheit, das alle Aspekte berücksichtigt.
Ich sehe mich jedenfalls jetzt, mit der Kenntnis dieser positiven Effekte (worüber ich vorher gar nichts wusste!) bestärkt in meinem angenehmen Gefühl, das ich spüre, wenn ich die Sonne auf meine Haut wirken lasse. Die Sonne schenkt uns mit ihren belebenden Strahlen gratis Lebensenergie und wir sollten dieses Geschenk nicht gänzlich ablehnen.
Disclaimer: Das ist keine Gesundheitsberatung! Übermässiges Sonnenbaden kann Hautkrebs verursachen. Jeder ist selbst für seine Gesundheit verantwortlich. DYOR
Quellen: 1: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/joim.12496 2: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1877782113001367 3: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0079610711001106 4: https://esmed.org/MRA/mra/article/view/3635 5: https://shannonclinic.com.au/blog/sunlight-vs-vitamin-d-supplements-research/ 6: https://www.scientificamerican.com/podcast/episode/sunlight-benefits-and-risks-what-science-says-about-healthy-sun-exposure/ 7: https://ascopubs.org/doi/10.1200/JCO.2010.28.7078
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